Professorin von Klitzing

Fachschaft: Könnten Sie uns zunächst Ihren wissenschaftlichen Werdegang schildern?

von Klitzing: Ich habe in Braunschweig angefangen, Biologie zu studieren. Nach einem Jahr habe ich auf Physik gewechselt und in Braunschweig bis zum Vordiplom bzw. ein Semester später studiert. Dann habe ich nach Göttingen gewechselt zum Hauptstudium der Physik, was ich dort 1992 abgeschlossen habe. Ich bin dann zur Doktorarbeit nach Mainz gegangen und dort zum ersten Mal mit der Physikalischen Chemie in Kontakt gekommen. 1996 bin ich für anderthalb Jahre zum Postdoc nach Frankreich gegangen, in die Nähe von Bordeaux. Währenddessen habe ich mir überlegt, was ich weiter machen könnte, wobei für mich noch nicht von Anfang feststand, an der Uni zu bleiben. Ich habe mich auch bei den Firmen nach Stellenmöglichkeiten umgesehen, aber dann kam recht schnell ein Angebot aus Berlin und ich habe mich dafür entschieden. Ich war sechs Jahre an der TU Berlin und habe mich dort 2003 habilitiert, bevor ich für kurze Zeit als Gruppenleiterin ans Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung nach Potsdam ging. 2004 habe ich dann meine erste Professur in Kiel bekommen, in der Physikalischen Chemie. Dort war ich zwei Jahre und bin dann an die TU Berlin zurückgegangen und war dort von 2006 bis Anfang 2017 als Professorin für Physikalische Chemie.

Fachschaft: Könnten Sie uns kurz Ihr Forschungsgebiet erläutern, so, dass es für Studenten im ersten Jahr verständlich ist?

von Klitzing: Wir beschäftigen uns mit weicher Materie an Grenzflächen, das ist auch der Name unseres Fachgebietes. Fragestellungen sind zum Beispiel, was einen dünnen Film, konkret im Schaum, oder in einer Emulsion stabil macht. Dort trifft sich die Physik mit der Chemie. Die Methoden, die wir verwenden, sind physikalische Methoden und die Fragestellungen, die wir haben sind ebenfalls physikalisch. Wir machen beispielsweise Kraftmessungen durch dünne Filme hindurch. Das heißt es geht um Kräfte, Energien, Drücke, die Messgrößen sind also physikalisch, aber wir greifen über die Chemie ein, um ein System zu verändern. Wir wollen zum einen Wechselwirkungen zwischen Grenzflächen verstehen und sie aber auch manipulieren können und dazu nehmen wir dann die Chemie zur Hilfe.

Das ist das eine Gebiet, das wir bearbeiten, das andere, was uns interessiert, ist die Modifikation von Oberflächen. Das heißt, Sie haben zum Beispiel eine feste Oberfläche, eine Silizium-Oberfläche, und möchten auf eine bestimmte Weise das Reflexionsverhalten verändern, also optische Eigenschaften, oder möchten eine gewisse Leitfähigkeit erzielen oder bestimmte mechanische Eigenschaften. Dort trifft sich auch wieder die Physik mit der Chemie. Verständnis von Grundlagen und Eigenschaftskontrolle von weicher Materie und Flüssigkeiten sind also unsere Themen.

Fachschaft: Wie schätzen Sie die Relevanz der Physik und Ihres Forschungsgebiets im Speziellen für die Gesellschaft ein?

von Klitzing: Also sagen wir mal so: Wir beschäftigen uns mit Grundlagenforschung, das heißt wir denken nicht in erster Linie, wenn wir etwas erforschen daran, wozu es gut ist, sondern uns interessiert erstmal: Was hält die Welt zusammen? Also die grundlegende Frage, aber wenn es in Richtung Anwendung geht, dann hat unser Gebiet zum Beispiel viel mit Klebeprozessen zu tun, also Adhäsionen und Klebstoffe. Klebeprozesse sind in vielerlei Hinsicht sehr wichtig, nicht nur für die Autoindustrie - Deutschland ist ein großer Lieferant von Klebstoffen - sondern zum Beispiel auch für die Medizin: z.B. wie klebt man Zähne? Das ist bestimmt ein Teil, wo wir auch einen Beitrag liefern können aus der Grundlagenforschung heraus. Dann haben wir natürlich schon konkrete Kooperationen gehabt, zum Beispiel mit Firmen, die Reinigungsmittel herstellen oder auch Kosmetikprodukte. Was mich auch sehr interessiert, sind Umwandlungen von Energieformen: Wie kann man Licht umwandeln in eine Volumenänderung, wie kann man Energien nutzen? Wir sind aber weit davon entfernt, dort irgendwelche Demonstratoren oder so etwas zu entwickeln, aber das sind so grundsätzliche Sachen, die in die Richtung gehen können. Und neue Materialien, das heißt: Wie bringe ich verschiedene Komponenten zusammen, sodass ich aus den Einzeleigenschaften ganz neue Eigenschaften bekomme? Stichwort: Synergien, zum Beispiel zwei Materialklassen: Polymere, die weich sind und sich gut bearbeiten lassen, und da setzen wir zum Beispiel Goldpartikel rein, die mit Licht wechselwirken können oder magnetische Partikel, die mit Magnetfeldern wechselwirken können. Das lässt sich auch auf Beschichtungen übertragen, die z.B. wichtig für die Miniaturisierung von Bauteilen sind. Wie kann man da zielführend verschiedene Materialien zusammenbringen?

Fachschaft: Und wie relevant ist Physik allgemein?

von Klitzing: Da gibt es natürlich auch die Vorgaben von der EU, die “Grand Challenges“, also Energie, Gesundheit, Verkehr, Wasser usw. Wo ich die Physik als grundlegend ansehe, ist, die grundlegenden Prozesse wirklich zu verstehen. Das heißt, wenn es zum Beispiel um Wasser geht, da geht es um Entsalzung, das ist natürlich wieder ein Thema, wo sich die Chemie mit der Physik trifft. Oder für die Medizin, da geht es darum, dass man neue Gewebe herstellt oder züchtet und da geht es darum, die Mechanik zu verstehen, das heißt, da kommt die Physik zum Einsatz. Wenn man sich zum Beispiel den Knochenaufbau vorstellt oder auch die Entwicklung von neuem Knochenmaterial, da muss man verstehen, wie der Druck wirkt, und wie dann dort neues Knochenmaterial aufgebaut werden kann, da ist die Physik ganz wichtig. Energie: Wenn man an Halbleitertechnik denkt, das ganze Gebiet der Photovoltaik, da muss man natürlich die Physik verstehen, sonst kommt man da einfach nicht weiter.

Fachschaft: Würden Sie sich wieder für ein Physikstudium entscheiden?

von Klitzing: Ja, das würde ich immer wieder machen. Für mich war immer ein großes Ziel, die drei Naturwissenschaften besser zu verstehen, also Biologie, Chemie und die Physik, und dort ein Rundumverständnis zu haben. Davon ist aber die Physik das, was mich am meisten fasziniert, aber wie gesagt, ich bin auch sehr interessiert an den anderen beiden Naturwissenschaften. Das ist einfach spannend, diese Interdisziplinarität, aber dafür muss man eben auch die anderen Naturwissenschaften verstehen, sonst funktioniert’s nicht.

Fachschaft: Was waren Ihre Lieblingsfächer in der Schule?

von Klitzing: Also das waren Physik und Biologie (lacht) und das hatte ich auch als Leistungskurse.

Fachschaft: Sie halten ja im nächsten Semester die Experimentalphysik I. Was macht für Sie eine gute Vorlesung aus?

von Klitzing: Man muss unterscheiden, ob man jetzt eine Spezialvorlesung im kleinen Kreis oder eine Vorlesung im ersten Semester Bachelor vor 200 Leuten hält.

Fangen wir mal mit der Bachelor-Vorlesung an. Ich sehe das so, dass die Studierenden nur in die Vorlesung kommen, wenn sie das auch möchten. Ich sehe nicht ein, dass jemand aus Zwang dort erscheinen muss, sondern es sollte nur jemand kommen, der dort auch etwas lernen möchte. Ansonsten kann man sich ja auch alles selbst beibringen, autodidaktisch aus Büchern usw., das kann jede/r selbst entscheiden. Ich biete einen bestimmten Kanon an, das ist ein Mix aus verschiedenen Lehrbüchern. Ich mache eine Tafelvorlesung, weil meiner Meinung nach, beim Abschreiben von der Tafel schon etwas hängen bleibt. Ich möchte, dass es eine gewisse Bereitschaft zur Mitarbeit gibt. Ich versuche, die Studierenden mit einzubinden. Ich stelle Fragen, und wenn es einfach nur eine Abstimmung ist, ich versuche sie also dabei zu behalten. Bei der Bachelor-Vorlesung Experimentalphysik erhoffe ich mir auch, dass man durch Einbinden der Experimente den Stoff spannend gestalten und die Studierenden mehr dafür interessieren und kann.

Bei einer Spezialvorlesung ist es ein bisschen anders. Da mache ich meistens einen Mix aus Tafelvorlesung und auch Power Point-Präsentationen, die ich auch ins Netz stelle. Da lege ich mehr Wert aufs Diskutieren, es werden auch speziellere Sachen andiskutiert, sodass man nicht immer so stark mit Abschreiben beschäftigt sein sollte. Das ist mit 200 Leuten natürlich nicht machbar, aber mit 20 oder zehn kann man sich das durchaus vorstellen. Eine gute Vorlesung ist für mich, wenn ich sehe, dass die Studierenden bei der Sache sind, mir und dem Stoff folgen, sich selbstständig einbringen, Fragen stellen, selbst wenn ich die Fragen auch nicht immer alle beantworten kann.

Fachschaft: Welche Ratschläge würden Sie Studenten im ersten Semester mit auf den Weg geben?

von Klitzing: Ja also, was ich vielleicht selbst nicht richtig gemacht habe, oder was ich anders machen würde, wäre, auch schon am Anfang eine Lerngruppe zusammenzustellen oder zu suchen, so dass man nicht alleine lernt. Später fand ich das alleine-Lernen ganz in Ordnung, aber am Anfang wäre - glaube ich - eine Lerngruppe ganz gut gewesen. Auch um in das Unileben reinzukommen, denn die Art zu Lernen ist eine ganz andere als in der Schule. Das kann durchaus eine von der Leistung her gemischte Gruppe sein. Es ist gar nicht so wichtig, dass da nur Bessere drin sitzen, sondern es kann auch durchaus hilfreich sein, einen zu haben, der fachlich schwächer ist, als man selbst. Diese Person kann dann ja andere Fragen stellen, die man sich selbst noch gar nicht überlegt hat. Also ich kann nur raten sich mit anderen Studierenden zusammen zu tun, vielleicht eine Gruppe von vier bis fünf Leuten, und sich regelmäßig zu treffen, um Aufgaben zu rechnen oder Dinge zu diskutieren.

Fachschaft: Wie kann man sich eine Bachelor- oder Masterarbeit in Ihrer AG vorstellen und was erwarten Sie von Studenten, die gerne bei Ihnen eine Abschlussarbeit schreiben würden?

von Klitzing: Also erstmal ist es so, dass ich nur Bachelor- oder Masterarbeiten vergebe, wenn es auch konkret einen Doktoranden gibt, der denjenigen betreut. Das heißt, bei uns werden alle Studenten - also auch SH-Kräfte - von einem Doktoranden betreut und nicht von mir direkt. Es handelt sich um experimentelle Arbeiten, die natürlich immer mit Auswertung verbunden sind, aber auch mit dem theoretischen Hintergrund der Methode oder des Systems. Bei den Masterarbeiten erwarte ich schon, dass die Person schon eine Begegnung mit weicher Materie oder zumindest kondensierter Materie hatte, das heißt also eine entsprechende Veranstaltung besucht hat, bei den Bachelorstudenten erwarte ich das natürlich nicht.

Fachschaft: Was erwarten Sie abgesehen davon?

von Klitzing: Vorkenntnisse im Sinne von Apparaten oder so erwarte ich nicht. Es muss aber Teamgeist da sein, es muss die Bereitschaft da sein, sich auch mal durch ein Problem “durchzufressen“, aber dass man auch rechtzeitig jemanden fragt, wenn man nicht weiterkommt. Ansonsten bekommen die Leute als Gegenleistung die Integration in die Gruppe, das ist mir natürlich ganz wichtig, dass niemand alleine vor sich hin arbeitet. Es gibt immer eine Anbindung, das heißt, keiner hat ein Thema, wo er ganz alleine da steht.

Auch Bachelorstudenten müssen Paper auf Englisch lesen, um sich einzuarbeiten in das Thema, die Bereitschaft dafür muss auch da sein.

Fachschaft: Welche Interessen verfolgen Sie neben der Physik?

von Klitzing: Ich spiele Geige und spiele im TU-Orchester, ansonsten betreibe ich Sport, also ich fahre im Sommer gerne Rennrad, im Winter gerne Ski und jogge ganz gerne.

 

(Das Interview führten Ansgar Schäfer und Lisanne Gossel im August 2017.)

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Im Wintersemester 19/20 findet die Fachschaftssitzung dienstags um 17:15 Uhr in Raum S2|01 202 statt.

Für Studienanfänger: Orientierungswoche

Wann?
30.09. bis 11.10.2019

Beginn:
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