Professor Stühn

Fachschaft: Kennen Sie einen Physikerwitz?

Stühn: Einen Physikerwitz? Sie kennen bestimmt Physikerwitze. Wer im Glashaus sitzt sollte ja nicht mit Steinen werfen. (lacht)

Fachschaft: Können sie uns Ihren Werdegang schildern? Womit hat Ihre Karriere denn angefangen?

Stühn: Ich habe Physik studiert, ganz hier in der Nähe in Mainz. Dann habe ich dort auch promoviert und war zwischendrin anderthalb Jahre in Kanada an der University of Waterloo bei Toronto. Dann nach der Promotion war ich für ein gutes Jahr in der chemischen Industrie. Das ist vielleicht ein bisschen ungewöhnlich. Die meisten Leute, die irgendwann Professor werden, sind durchgängig an der Uni. Dann bin ich nach Freiburg in die Physik gegangen. Habe mich habilitiert und wurde schließlich Professor in Ilmenau.

Fachschaft: Wo ist Ilmenau?

Stühn: Genau. Wo ist Ilmenau. Die Frage hab ich in Ilmenau dann auch gestellt. Ilmenau ist in Thüringen in der Nähe von Erfurt. Das ist eine kleine Technische Hochschule. Ich weiß nicht genau, ob die kleinste aber schon eine sehr kleine. Dort gibt es auch einen Fachbereich Physik mit allerdings nur acht Professoren. Vor ein paar Jahren dann, 2003/04, bin ich hier nach Darmstadt gekommen.

Fachschaft: Kommen wir nun zu den Themen Ihrer Arbeitsgruppe. Woran forschen Sie und können Sie die Themen den Erstsemestern einfach beschreiben?

Stühn: Wir sind ja hier in der Festkörperphysik und wie der Name nicht sagt, beschäftigen wir uns mit weichen Körpern. Thema unserer Arbeitsgruppe ist eigentlich Physik weicher Materie. Da geht es um Materie, die nicht so hoch geordnet ist wie Kristalle. Der mittlere Physiker versteht ja unter festen Körpern kristalline Körper: Halbleiter, Metalle. Tatsächlich wenn wir uns aber so umgucken sehen wir viskose Flüssigkeiten, hoch viskose Flüssigkeiten, weiche Materialien, wir selbst sind ein weiches Material. Biomaterialien fallen also auch darunter, wobei wir speziell uns nicht mit Biomaterialien beschäftigen. Wir beschäftigen uns mit Polymeren. Wir suchen nach Regeln, die die Struktur und Dynamik in solchen komplexen, weichen Materialien beherrschen. Wir schauen uns zum Beispiel Polymere an und untersuchen diese mit strukturaufklärenden Methoden. Das ist zum Beispiel Röntgenbeugung. Wir untersuchen Stukturen auf der Größenskala von Bruchteilen von Nanometern bis vielleicht 80nm. Das ist die Dimension auf der zurzeit ganz viel Technik gemacht wird. Für Sie ist wahrscheinlich Nanotechnologie auch ein Wort. Ich benutze das eigentlich nicht so gerne, weil es ein abgedroschenes Schlagwort ist, aber das ist die Skala, auf der wir uns bewegen.

Fachschaft: Arbeiten Sie da auch mit anderen Fachbereichen zusammen, wie beispielsweise der Chemie?

Stühn: Grundsätzlich ist das eine sehr interdisziplinäre Forschungsrichtung. Wir können selbst keine Polymere machen, also hängen wir davon ab, dass Chemiker mit uns zusammenarbeiten. Die wiederum hängen davon ab, dass wir mit ihnen zusammenarbeiten. Das ist ein ganz gesundes Verhältnis. Wir haben Zusammenarbeit zum Beispiel hier in Darmstadt mit der Makromolekularen Chemie, in Mainz mit der Organischen Chemie, in Halle mit einer chemischen Arbeitsgruppe. Das ist so die eine Richtung in die wir schauen müssen. Die andere ist: Wie untersuchen wir die Dinge? Hier im Labor haben wir Röntgenstreuanlagen, wir haben Lichtstreuanlagen und eine ganze Reihe anderer Experimente. Häufig braucht man Neutronenstreuung. Einen kleinen Taschenreaktor haben wir aber nicht. Wir sind also darauf angewiesen an einer Großforschungsanlage zu arbeiten, obwohl wir keine Kernphysiker sind. Wir arbeiten mit dem ILL in Grenoble zusammen. Dort steht der Reaktor mit dem größten Neutronenfluss der Welt. Also wir machen Experimente hier und auch an Großforschungsanlagen. Und wichtiger Punkt ist auch: Wir arbeiten wie gesagt interdisziplinär.

Fachschaft: Wo liegen denn außerhalb Ihres Arbeitsgebiets Ihre Interessen in der Physik?

Stühn: Was mich interessieren muss ist die Entwicklung experimenteller Methoden. Da muss man natürlich häufig so ein bisschen über den Tellerrand hinweg schauen. Man muss auf dem laufenden sein: was wird denn an neuen experimentellen Ideen so auf den Markt gebracht? Beispiel: Spallationsquelle. Wenn Sie das in der Zeitung lesen, würden Sie sagen: Kernphysik oder Teilchenphysik. Spallation ist ein Weg Kerne zu zertrümmern und auf diesem Weg können Sie auch Neutronen erzeugen. Und wir können damit neue Experimente machen, also schau ich da natürlich ganz genau hin.

Fachschaft: Sie haben jetzt begeistert über das Experimentieren geredet. Sie wollten wahrscheinlich schon immer am Experiment arbeiten?

Stühn: Nein. Ich weiß noch genau, als ich mein Diplom gemacht habe, habe ich mit der Theorie geliebäugelt. Dann sind verschiedene Dinge zusammen gekommen und es hat sich Experimentalphysik ergeben. Ich bereue das nicht. Ich finde das sehr schön. Allerdings liebe ich es auch immer noch in die Theorie zu schauen. Das bloße Experimentieren, herausfinden von Zusammenhängen mag auch schön sein. Das eigentliche Verstehen ist aber der spannende Teil in der Physik. Und da jetzt zu sagen was ist Experimentalphysik und was ist Theoretische Physik ist sicherlich nicht mehr möglich, das verschwimmt.

Fachschaft: Sie lesen im nächsten Semester die Experimentalphysikvorlesung. Worauf legen Sie da besonderen Wert und was würden Sie einem Studienanfänger raten?

Stühn: Also erstmal würde ich denen gratulieren. Die haben gut gewählt. Physik ist bestimmt ein sehr spannendes und aufregendes Fach. Damit sie das mitbekommen, würde ich mir wünschen sie kommen mit offenem Geist - nicht zugenagelt. Ich hoffe die sind nicht zugenagelt, von dem was sie jetzt wissen in der Schule gelernt zu haben, sondern schauen sich offen und kritisch die Physik an. Jetzt kommt das Studium. Jetzt kann man sich seine eigene Physik zusammenbauen. Das ist ein hoher Anspruch aber das ist auch eine super Möglichkeit.

Fachschaft: Was machen Sie, wenn Sie keine Physik machen? Wir meinen in der Freizeit, sofern Sie welche haben.

Stühn: (lacht) Freizeit hat man natürlich. Also der Job ist natürlich auch sehr zeitaufwendig. Was mach ich da? \ldots Ich habe eine Familie, die neben der Physik an weiterer wichtiger Stelle steht. Dann treibe ich ein bisschen Sport: Jogging, Fahrradfahren. Was ich auch sehr gerne mache ist, mich mit einem Buch in eine Ecke verziehen, das macht mir schon Spaß. Große zeitaufwendige Hobbys habe ich aber eigentlich nicht.

Fachschaft: Wenn Sie kein Physik studiert hätten, was glauben sie, wo säßen sie heute?

Stühn: Nunja ich wollte mal Medizin studieren, ich hab dann relativ früh das wieder abgesagt. Ich hätte vielleicht Mathematik studieren können, das hat mich auch sehr versucht und ich könnte mir vorstellen, dass ich ganz ähnlich hier sitzen würde. Vielleicht nicht in diesem Gebäude, sondern in der Mathematik.

Fachschaft: Was waren denn Ihre Lieblingsfächer in der Schule?

Stühn: Das waren schon Physik und Mathematik... und Englisch. Sprachen haben mich immer schon fasziniert. Ich bin auch, glaube ich, im Studium wegen der Sprache ins Ausland gegangen und natürlich auch wegen der Physik um andere Denkweisen kennenzulernen, aber die Sprache hat mich da schon auch fasziniert.

Fachschaft: Nehmen wir an, Sie würden auf eine einsame Insel verbannt, auf der es genügend Essen und Trinken zum überleben gibt. Was würden Sie mitnehmen, wenn Sie fünf Gegenstände mitnehmen dürften?

Stühn: Ich würde ein Fahrrad mitnehmen, damit ich die Insel mal erkunden kann. Ein GPS, damit ich weiß, wo ich bin. Ein paar Bücher würde ich noch mitnehmen, sagen wir mal "ein paar Bücher" ist auch ein Item. Vielleicht weitere Instrumente zur Erkundung: ein Fernglas wär nicht schlecht. Und eine Flasche guten Wein würde ich noch mitnehmen.

Fachschaft: Wie empfanden Sie die Mathematikvorlesungen zu Anfang Ihres Studiums? Diese stellen doch für viele Physikstudenten eine große Hürde dar.

Stühn: Ich weiß, dass für viele die Mathematik am Anfang einen Stolperstein darstellt. Ich empfand das nicht so, im Gegenteil: Ich habe da noch mehr gezweifelt, ob ich im richtigen Studiengang bin. Ich fand die Mathematikvorlesungen sehr spannend. Ich habe viele Dinge gelernt, die ich schon immer wissen wollte. Sie erfahren etwas, dann durchschauen sie plötzlich etwas und schließlich bekommen sie ein Gefühl der Erleichterung und Bestätigung. Das mag an dem sehr guten Dozenten gelegen haben, aber ich empfand das dann auch weiterhin so. Wenn ich heute immer vor den Studienanfängern predige: Ihr müsst Mathematik ernst nehmen - das ist eine Basiswissenschaft, die wir auch wirklich in der Physik brauchen - dann meine ich das auch wirklich so.

Fachschaft: Was qualifiziert einen Physiker?

Stühn: Natürlich verfügt er über einen gewissen Grundschatz an Wissen über Physik, aber ich glaube das ist noch nichtmal das wichtigste. Ich glaube, wichtiger ist die Art und Weise des Denkens, wie man es in der Physik lernt. Ein Physiker ist, denke ich, darauf trainiert, dass er Probleme analysiert, eingrenzt und dann eine Lösung sucht. So gehen wir ja eigentlich immer vor: Wir beobachten, grenzen ein - was uns andere Wissenschaften ja immer wieder vorwerfen, dass wir nicht das Ganze betrachten - versuchen aber auch Regeln zu erkennen und Probleme zu lösen. Das qualifiziert einen Physiker, übrigens auch für viele Berufe, die nicht Physiker sind.

Fachschaft: Herzlichen Dank, Herr Professor Stühn, für dieses Gespräch.

(von Konstantin Ristl und Thomas Krüger im September 2008)

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