Professor Durante

Der gebürtige Neapolitaner Marco Durante ist seit Herbst 2008 Leiter der Abteilung Biophysik an der GSI und Professor am Institut für Kernphysik an der TU Darmstadt. Im Interview erzählt er uns unter anderem von seiner Forschung, warum er aus dem sonnigen Italien nach Darmstadt gewechselt hat und was er vom deutschen Essen hält.

 

Fachschaft: Warum haben Sie Physik studiert?

Durante: Ich denke, der Hauptgrund ist Neugier. Das ist glaube ich immer der erste Impuls. Wenn man die Welt um sich herum verstehen will, geht man in die Wissenschaft. Ob man in die Biologie, zur Physik oder zur Geologie geht, ist am Anfang eher Zufall. Ich war immer gut in Mathe und landete schließlich in der Physik. Ich mochte aber auch die Biologie und meine Arbeit besteht im Moment etwa zur Hälfte aus Biologie und zur Hälfte aus Physik. Ich hatte immer das Gefühl, dass Physik besser ist, um den Mechanismus zu verstehen, befriedigender für meine Neugier. Dann habe ich schrittweise erkannt, dass Biologie viel komplexer ist und dass es auf diesem Gebiet noch viel zu tun gibt.

Fachschaft: Darmstadt ist nicht Ihr erster Job im Ausland. Wo waren Sie vorher?

Durante: Ich fing in meiner Heimatstadt Neapel an. Dort machte ich mein Diplom. Dann habe ich in Berkeley in Kalifornien promoviert. Danach habe ich eine PostDoc-Zeit im Johnson Space Center der NASA in Texas verbracht. Eine weitere PostDoc-Stelle hatte ich am Nationalen Institut für Strahlenwissenschaften in Tokio inne. Dann ging ich zurück nach Italien, diesmal jedoch um Physik zu unterrichten und nicht um Physik zu studieren.

Fachschaft: Warum sind Sie nach Deutschland gekommen, nachdem Sie in so vielen Ländern waren?

Durante: Der Hauptgrund ist, dass die GSI der beste Ort in Europa ist, um Schwerionen-Biophysik zu machen. Es war eine Stelle als Direktor frei, da der vorherige Direktor in den Ruhestand ging. Bei meiner Vorgeschichte war es die perfekte Stelle und anscheinend wollte man mich. Es ist wie wenn ein Fußballspieler gefragt wird, ob er Trainer von Real Madrid werden möchte. Wie kann er da nein sagen? Es ist die Chance deines Lebens.

Fachschaft: Sie kommen aus Italien. Was halten Sie von deutschem Essen?

Durante: Das Essen in Deutschland ist ziemlich gut. Besonders italienische Restaurants in Deutschland (lacht). Das war ein Scherz. Essen ist in Europa ist fast überall sehr gut, außer vielleicht in Großbritannien (lacht), aber das bessert sich auch. Das einzige Problem ist, dass ich Weintrinker bin und kein Biertrinker. Aber ich bessere mich.

Fachschaft: Wie gefällt Ihnen Darmstadt?

Durante: Es gefällt mir sehr gut. Es hat genau die richtige Größe, nicht zu groß und nicht zu klein. Bevor ich hierher kam, habe ich immer in großen Städten wie Neapel, San Francisco oder Tokio gelebt. Ich wollte erst nach Frankfurt ziehen, aber dann hat es mir hier so gut gefallen. Alles ist so einfach und komfortabel. Sie haben keine Ahnung, wie einfach das Leben hier ist im Vergleich zu dem in Italien.

Fachschaft: Zum Beispiel?

Durante: Alles funktioniert. Der öffentliche Nahverkehr, die Behörden – in Italien ist alles ein Kampf. Vielleicht ist es hier in wirklich großen Städten auch schwieriger. Deshalb bin ich hier geblieben und nicht nach Frankfurt gezogen.

Fachschaft: Womit beschäftigt sich Ihre Forschung?

Durante: Ich habe mich schon immer mit den Effekten von Schwerionenstrahlung beschäftigt. Während meiner Zeit bei der NASA habe ich am Schutz vor Weltraumstrahlung gearbeitet und in Japan an der Zerstörung von Zellen. Ich habe also auf beiden Seiten geforscht. Strahlung im Alltag ist meistens Röntgen- oder Gammastrahlung. Mit Schwerionenstrahlen haben wir normalerweise nichts zu tun. Warum interessieren wir uns also für die biologischen Auswirkungen? Es gibt zwei Gründe: Zum einen um Krebs zu heilen. Normale Strahlentherapie ist eine der verbreitetsten Behandlungsmethoden für Krebs. Hierfür werden jedoch meist Röntgenstrahlen benutzt, die beim Durchgang durch das Gewebe geschwächt werden. Das hat den Nachteil, dass der Schaden für das gesunde Gewebe höher ist als für den Tumor. Schwerionenstrahlen haben den Vorteil, dass sie ihre gesamte Energie erst am Ende abgeben. Das ist optimal, um den Tumor zu zerstören. Aber die Schwerionenstrahlen können auch gefährlich sein. Nicht auf der Erde, aber außerhalb des Erdmagnetfelds, wenn man zum Beispiel zum Mars fliegen will. Was sind die Risiken? Eines ist natürlich Krebs. Ein anderes Risiko ist eine Schädigung des zentralen Nervensystems. Wir wissen nur sehr wenig über diese Effekte, weil wir keinerlei Erfahrung haben. Die einzige Möglichkeit ist, an Einrichtungen wie der GSI biologische Targets den Strahlen auszusetzen und zu schauen, was passiert.

Fachschaft: Ihre Forschung klingt teilweise stark nach Science Fiction. Wie hat Science Fiction Ihr Leben beeinflusst?

Durante: Ich bin ein großer Science Fiction Fan. Daher kommt auch teilweise mein Interesse an Strahlung. Ich mochte die Superhelden-Comics wie Hulk, Spiderman oder die Fantastischen Vier. Alle diese Superhelden sind Produkte von Strahlung.

Fachschaft: Welche Voraussetzungen sollte ein Student erfüllen, um in Ihrer Arbeitsgruppe zu arbeiten?

Durante: Für mich ist Begeisterung die wichtigste Voraussetzung. Wenn ein Student in meiner Gruppe arbeiten möchte, hat er es leichter, wenn er die Vorlesung „Radiation Biophysics“ besucht hat. Ich interessiere mich nicht besonders für die Noten, das Alter oder das Geschlecht. Der Student muss wirklich glücklich sein mit der Arbeit. Er muss sagen: „Das ist großartig. Das möchte ich machen“. So bin ich und so sollten die Studenten auch sein, denke ich. Wenn man erfolgreich sein möchte, muss man die Arbeit mögen, die man macht.

Fachschaft: Was machen Sie denn in Ihrer Freizeit, wenn Sie nicht an der GSI sind?

Durante: Ich muss zugeben, dass ich nicht sonderlich viel Freizeit habe. Ich bin leider sehr beschäftigt – nein, nicht leider, denn ich mag meine Arbeit.

Fachschaft: Gut, dann machen wir ein Gedankenexperiment. Stellen Sie sich vor, sie hätten Freizeit.

Durante: Großartig! (lacht) Ich bin ein Workaholic, ich mag meine Arbeit wirklich sehr. Daher ist es schwer, mir vorzustellen, dass ich nicht arbeite. Aber ich spiele gerne Schach. Ich war italienischer Meister in Shōgi, der japanischen Schachvariante. Ich habe es in Japan gelernt und in Italien festgestellt, dass der italienische Shōgi-Verband nur aus dreißig oder vierzig Leuten besteht, also war es relativ einfach zu gewinnen (lacht).

Ich habe Italien dann auf der Weltmeisterschaft in Tokyo vertreten (zeigt uns das hölzerne Tischschild mit seinem Namen, das er auf dem Schreibtisch stehen hat), darauf bin ich sehr stolz.

Ich lese gerne, insbesondere über Geschichte. Ich mag außerdem Filme und Reiten. Ich mag eine Menge Dinge, ich habe nur keine Zeit dafür – aber das ist okay.

Fachschaft: Was ist Ihr Lieblingsfilm?

Durante: „2001 – Odyssee im Weltraum“ natürlich (lacht). Nummer zwei ist ein ziemlich neuer deutscher Film, „Das Leben der Anderen“. Das ist einer der besten Filme, den ich je gesehen habe, ich war sehr beeindruckt.

Fachschaft: Würden Sie trotz der Gefahr durch Strahlung selbst zum Mars fliegen?

Durante: Natürlich würde ich, natürlich! Es dauert ein bisschen lange, drei Jahre. Aber ich bin ja noch jung.

Fachschaft: Haben Sie nicht im Antrittskolloquium erzählt, dass es für Marsreisen besser ist, älter zu sein?

Durante: Das Krebsrisiko wird mir steigendem Alter geringer. Prinzipiell ist es also sicherer, ältere Menschen zum Mars zu schicken, zumindest was das Krebsrisiko angeht. Aber sie müssten dann einen Rollator mitnehmen, vielleicht funktioniert der auch auf dem Mars (lacht).

Fachschaft: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben.

Durante: Ich danke auch. Ich habe in der letzten Zeit normalen Journalisten eine Menge Interviews gegeben, aber dieses war bei weitem das beste (lacht). Leider haben die meisten Journalisten keinen wissenschaftlichen Hintergrund, sie verstehen kein Wort und können es also auch nicht erklären. Aber Wissenschaft ist sehr, sehr teuer und das meiste Geld kommt vom Volk, aus Steuergeldern. Deshalb müssen wir der Öffentlichkeit zeigen, dass wir keine dummen, sinnlosen Sachen machen, sondern etwas, das allen nützt. Und dazu brauchen wir Leute, die das erklären können. Ich bin glaube ich auch nicht sonderlich gut darin. Ich kann die Probleme meinen Kollegen erklären, aber es ist viel schwieriger, sie der Allgemeinheit zu erklären.

Fachschaft: Nochmals vielen Dank für das Interview.

(von Kay Müller und Alexander Bartl im März 2009)

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