Privatdozent Lutz

Fachschaft: Guten Tag Herr Lutz. Vielen Dank, dass Sie sich für dieses Interview Zeit nehmen. Könnten Sie uns vielleicht kurz Ihren bisherigen Werdegang schildern?

Lutz: Studiert habe ich in Regensburg und war in meinem 4. Studienjahr als Austauschstudent mit einem DAAD-Stipendium an der Universität in Boulder, Colorado, und habe dann, als ich zurück war, 1989 meine Diplomarbeit und 1991 meine Promotion abgeschlossen. In Seattle am Institute for Nuclear Theory (INT) habe ich für zwei Jahre meine erste PostDoc-Stelle angenommen, dann weitere zwei Jahre am European Centre for Theoretical Studies in Nuclear Physics and Related Areas (ECT*) in Trient, Italien. Anschließend, nach einem kurzen Zwischenstopp in München, bin ich schließlich vor etwa 15 Jahren bei der Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI) in Darmstadt gelandet. Hier habe ich mich dann 2002 an der TU Darmstadt habilitiert, bin seitdem Privatdozent. Zwischenzeitlich habe ich einen Ruf nach Uppsala, Schweden, erhalten. Diesen habe ich aber abgelehnt, da Darmstadt mit der FAIR-Anlage an der GSI international der Forschungsstandort für mein Arbeitsgebiet ist.

Seitdem ich in Darmstadt bin, habe ich regelmäßig Vorlesungen für die unterschiedlichsten Fachsemester gehalten und auch viele Diplom- und Masterstudenten sowie Doktoranden bei Ihren Abschlussarbeiten betreut.

Fachschaft: Könnten Sie in einfachen Worten Ihr Forschungsgebiet erklären?

Lutz: Bei meiner Forschung beschäftige ich mich mit der starken Wechselwirkung, also der Kraft, die zum Beispiel Protonen und Neutronen im Atomkern zusammenhält. Dieses faszinierende Thema ist aufgrund der extremen Stärke der Kraft bisher nur rudimentär verstanden. In einem qualitativen Bild wird das Proton als ein System von drei Quarks erklärt. Wie man heute weiß, ist dies nicht ganz richtig, da es eigentlich aus unendlich vielen Quarks besteht. Neben den drei Quarks enthält es auch noch viele Quark-Antiquark-Paare. Die Physik der starken Wechselwirkung muss also sehr komplexe Systeme mit vielfältigen Strukturen beschreiben. Das Ziel meines Forschungsgebiet ist die theoretische Untersuchung dieser Strukturen mit den physikalisch relevanten Freiheitsgraden. Hierfür wird u.a. auch "FAIR" bei der GSI gebaut und insbesondere das PANDA-Experiment zur Untersuchung von Protonen-Antiprotonen-Kollisionen. Daraus erhofft man sich, diese stark wechselwirkenden Vielteilchensysteme besser verstehen zu können.

Fachschaft: Welche Möglichkeiten für Abschlussarbeiten ergeben sich für Bachelor- und Masterstudenten aus diesem Gebiet bei Ihnen? Und was erwarten Sie an Voraussetzungen für diese Studenten?

Lutz: Thematisch würde es sich um die starke Wechselwirkung drehen. Die Quantenchromodynamik (QCD) führt zu einem faszinierenden Spektrum von Resonanzzuständen, zu deren Verständnis ich mit meinen Forschungsprojekten beitragen möchte. Zu behandeln gäbe es algebraische aber auch numerische Aspekte, welche je nach Stärken und Vorlieben des Studenten passend herausgesucht werden können. Ich nehme jederzeit gerne Bachelor- und Masterstudenten. Masterstudenten oder Doktoranden sollten die "Einführung in die Quantenfeldtheorie" gehört haben. Als Bachelorstudent besitzt man meist kein Vorwissen über die Quantenfeldtheorie (QFT). Dennoch gibt es das eine oder andere Thema, welches man gut bearbeiten kann.

Fachschaft: Wir haben uns jetzt die ganze Zeit über Physik unterhalten, da drängt sich die Frage auf: Warum haben Sie sich für Physik entschieden?

Lutz: Das ist eigentlich leicht zu beantworten: Ich hatte einen hervorragenden Physiklehrer, der mich für Physik und die Naturwissenschaften begeistern konnte. Was mich jetzt speziell an der Physik so interessiert, ist die Abstraktion in der Physik, aber auch die Anschauung in der Abstraktion. Ein gutes Beispiel hierfür ist Newton und der Apfel, der vom Baum fiel: Als Physiker reduzieren wir den Apfel auf einen Massenpunkt, ein sehr abstraktes Konzept und ein schönes Beispiel für einen physikalischen Freiheitsgrad. So ähnlich funktioniert es auch in der Quantenmechanik oder Quantenfeldtheorie. Das Erarbeiten einer Anschauung der abstrakten Konzepte kostet oft viel Zeit und kann anfangs sehr frustrierend sein, bis man es dann tatsächlich verstanden hat. Aber als Physiker eignet man sich eine hohe Frustrationsschwelle an. Die Herausforderung, am Ende auch Messdaten aus Experimenten vorhersagen und beschreiben zu können, fasziniert mich.

Fachschaft: Was war denn besonders schön während ihres Studiums?

Lutz: Zu Beginn meines Studiums habe ich Physik und Mathematik gleichzeitig studiert und erst als ich die erste QFT-Vorlesung gehört habe, entschied ich mich für die Physik. Diese Vorlesung hatte mich begeistert, da sie zwar mathematisch sehr anspruchsvoll ist, aber auch in der physikalischen Beschreibung sehr tief geht und viele grundlegenden Fragen beantwortet. Anfangs konnte ich mich nicht sonderlich für die Experimentalphysik begeistern, aber seitdem ich an der GSI bin, macht es mir sehr viel Spaß mit den Experimentatoren zu arbeiten, weil Physik letztendlich die Beschreibung, Erklärung und Vorhersage von experimentellen Daten ist.

Fachschaft: Würden Sie Physik wieder studieren?

Lutz: Definitiv: JA!

Fachschaft: Haben Sie einen Rat für die Erstsemestler?

Lutz: Also mir hat anfangs die Herausforderung des Neuen Spaß gemacht. Man studiert ja nicht Physik, um sich zu langweilen. Akzeptieren Sie die vielfältigen Herausforderungen des Studiums. Bemühen Sie sich, geben Sie nicht so leicht auf, man kann alles irgendwann verstehen. Schieben Sie nichts auf später. Zum Beispiel wird in der Vorlesung "Rechenmethoden" Handwerkszeug vermittelt, das Sie verstehen müssen, um Ihr Studium erfolgreich zu gestalten.

Fachschaft: Worauf legen Sie bei Ihren Vorlesungen besonders Wert?

Lutz: Das Essenzielle in der Physik ist das Verstehen. Speziell sind die Übungen das A und O jeder Vorlesung. Denn nur wer immer wieder angreift und nicht aufgibt, kann etwas erlernen und Zusammenhänge erkennen.

Fachschaft: Was ist für Sie das Schöne eine Anfängervorlesung zu halten?

Lutz: In den letzten Jahren habe ich vornehmlich Vorlesungen für ältere Semester gehalten, wie zum Beispiel die Computational Physics oder schon mehrfach die QFT-Vorlesung. Für mich wird es jetzt die erste Vorlesung sein, die ich für Erstsemestler halte, und ich freue mich bereits sehr darauf.

Fachschaft: Was machen Sie denn neben der Physik in Ihrer Freizeit?

Lutz: Ich habe immer sehr viel Musik gemacht. Zunächst auf dem Klavier und mit der Trompete. Später während meines Boulder-Aufenthalts habe ich angefangen meine Stimme ausbilden zu lassen und habe seitdem bei vielen Konzerten mitgewirkt. Zur Zeit begleite ich regelmäßig meine sechsjährige Tochter, die Geige spielt, auf dem Klavier. Außerdem singe ich noch in einem Konzertchor. Ansonsten habe ich eine Familie, die den Rest der Zeit für mich organisiert.

Fachschaft: Wenn Sie auf einer einsamen Insel gestrandet wären, welche fünf Dinge würden Sie gerne mitnehmen?

Lutz: Da bräuchte ich nur eins: Ein Satellitentelefon! Um möglichst schnell wieder weg zu kommen.

Fachschaft: Dann noch einmal herzlichen Dank, dass Sie sich für dieses Interview Zeit genommen haben.

(von Marc Bausch im September 2011)

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